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Alpenländischer Kapitalismus in vorindustrieller Zeit. Der Multiunternehmer Kaspar Stockalper vom Thurm 1609 – 1691. 

In der Frühen Neuzeit begannen sich, getragen von wenigen aussergewöhnlichen Unternehmergestalten, neue Wirtschaftsformen durchzusetzen, welche die gebundene Wirtschaft des Mittelalters allmählich ablösten durch freiere Marktwirtschaft. Die traditionelle Einbindung der Arbeitskraft in der Agrarproduktion und im zünftigen Handwerk verfiel mehr und mehr und entwickelte sich in verschiedenste Formen von freier Lohnarbeit und Geldwirtschaft, wobei im Geld die akkumulative Kraft entdeckt wurde, die aus sich neuen Reichtum zeugen konnte. Die Rationalität der Kapitalvermehrung wird die «vis motrix» der Wirtschaft. Kaspar Stockalper ist ein Musterbeispiel dieses Prozesses, an dem man den Paradigmawechsel exemplarisch analysieren kann.

Alpenländischer Kapitalismus unterscheidet sich in der Funktionsweise grundsätzlich nicht von jenem des Umlandes oder der Ebene, wohl aber in der Unternehmenspraxis. Während gewaltige Kapitalströme die Wirtschaft der Zentren in Schwung halten, wirtschaftet das kapitalistische Funktionsprinzip in den Alpen zwangsläufig kleinräumig vom Talgrund bis hin zu den verschiedensten Wirtschaftsformen am Rande der Oekumene, und das Kapitalvolumen der Geschäftsgänge bleibt, mit Ausnahmen (Bergbau, Salzhandel, Solddienst, Transit), viel niedriger. Grosse Handelsgesellschaften in den Zentren brauchen zwingend den grossen Bank- oder Gesellschaftskredit, alpenländischer Kapitalismus wuchert mit privatem Kleinkredit. Hohe Flexibilität, Innovations- und Risikobereitschaft, selbständige Dispositionsgewalt verbunden mit dem Willen, den grössten Teil des Gewinns unverzüglich im Geschäft zu reinvestieren, zeichnet beide aus, und es versteht sich von selbst, dass insbesondere der alpenländische Kapitalismus bei der Ressourcenbeschaffung den Austausch mit dem Unterland suchen musste.

Der Terminus «vorindustrielle Zeit» meint den Übergang von den diffusen Formen frühkapitalistischer Gewinnmaximierung zur hochkapitalistischen Industrialisierung, grob also die Zeit, die man gemeinhin der merkantilistischen Wirtschaft zuordnet: die Umwälzung von feudalistischer Selbstversorgungswirtschaft zur – in den Alpen retardierten – Proto- und vergleichsweise wenig entwickelten Verlagsindustrie. Die theoretische Oekonomie simuliert Paradigmawechsel in Modellen. Die historischen Wissenschaften können die Vorgänge nur in der konkreten Situation analysieren, wollen Stereotypien und Singularitäten gesellschaftspolitischer und individuell unternehmerischer Entwürfe, gerade an den Bruchstellen des Paradigmas, aus der detailtreuen Rekonstruktion der Unternehmerpersönlichkeiten und ihres gesamten Umfeldes verstehen. Darum bindet der Arbeitstitel den alpenländischen Kapitalismus an die Figur des Multiunternehmers Kaspar Stockalper (im Vergleich), den nach Alain Dubois wohl typischsten Vertreter frühkapitalistischer Profitmaximierung aus den Alpen. Diese Vita umspannt ebenso mühelos kleinsträumige Subsistenzwirtschaft an der Waldgrenze wie kapitalintensive Unternehmungen zwischen Kanalküste und lombardischem Wirtschaftsraum. Stupenden Aufstieg (Einführung innovativer Unternehmensstrategien, auf die eine zeitgenössische Gesellschaft wenig vorbereitet ist) und spektakulären Fall (Zerreissen – fast – aller gesellschaftlichen Fangnetze) zeigt die Vita Stockalpers exemplarisch – und damit im Vergleich die Interdependenzen von Tragfähigkeit der traditionellen Gesellschaft einerseits und dem Druck innovativen Unternehmertums auf eben diese Gesellschaft anderseits. Auf einer aussergewöhnlich guten Dokumentationsbasis (14 Handels- und Rechnungsbücher, redigiert «ad se ipsum», und ein reiches Familienarchiv, aggregiert mit dem Bild, das sich Europa im Spiegel seiner Archive von Stockalper macht) lassen sich bei Stock-alper beispielhaft Synergien zwischen Wirtschaft und Politik, verwandtschaftlichen, konfessionellen, kulturellen Patronage-Netzen erkennen und deren akkumulative Wirkung in einer religiös abgesicherten, durch und durch kapitalistischen Rationalität verstehen. Vieles von Stockalpers Geschäftsstrategien mutet heute unerhört modern und innovativ an. Die Anbindung der Fragestellung nach dem alpenländischen Kapitalismus an die Vita Stockalpers heisst nicht, dass dieses Leben vollständig narrativ ausgebreitet werden soll. Vielmehr geht es um die umfassende kritische Prüfung eines wichtigen Problemgemenges in einer Zeit der Umwälzung und anhand einer grossen Gestalt.


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(c) 2009 STOCKALPERSTIFTUNG